Mein Problem

Ingrid Rath

Was ist MEIN Problem?
Was ist das Problem des kranken Angehörigen?


Es geht hier um das Problem des Rechtes auf weitestgehende Selbstbestimmung und Würde eines jeden Menschen.

Es geht um die Freiheit der Entscheidung und die Verantwortung dafür, die grundsätzlich sowohl den an einer psychischen Krankheit Leidenden als auch ihren Angehörigen zusteht.

Bekanntlich wurden psychisch Kranken dieses Recht und die Fähigkeit, es wahrzunehmen, lange Zeit aberkannt – mit schrecklichen Konsequenzen, v.a. in unserem Jahrhundert.

Neue Behandlungsmethoden und wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse und der Bedeutungszuwachs der Deklaration der Menschenrechte nach dem 2.Weltkrieg haben eine langsame Wende im Denken und im Handeln der Öffentlichkeit und in der Einschätzung von psychisch Kranken eingeleitet. 

(Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum "Schutz von psychisch Kranken und die Verbesserung der psychiatrischen Versorgung"; Bundesgesetz zum Schutz der persönlichen Freiheit vom 29.11.1988, Unterbringungsgesetz vom 1.3.1990).

"Jeder psychisch Kranke beziehungsweise jeder, der als psychisch Kranker betreut wird, ist menschlich und mit der Achtung vor der angeborenen Würde des Menschen zu behandeln ..." (Abs. 3 der Grundfreiheiten, angeführt im Gesetz zum Schutz psychisch Kranker)

"Niemand darf wegen einer psychischen Krankheit diskriminiert werden. Der Begriff "Diskriminierung" bezeichnet jene Unterscheidung, Ausschließung oder Bevorzugung, die bewirkt, dass der Genuss gleicher Rechte verhindert oder eingeschränkt wird ... " (aus Abs. 4 ebenda)

Der Antidiskriminierungsparagraph wurde 1997 auch in die österreichische Verfassung aufgenommen.

Wir Angehörige wissen, wie schwer es manchmal sein mag, in der Turbulenz psychotischer Akutvorfälle diese Grundfreiheiten und Grundrechte im Auge zu behalten. Erstaunlicherweise wird im oben zitierten Abs.4 aber auch eine "Bevorzugung" als ablehnenswert aufgeführt, eine "Überbetreuung" sozusagen, pointiert gesagt, Entmündigung durch zuviel Sorge ...

Und: Grundrechte und Grundfreiheiten gelten selbstverständlich auch für Angehörige. Auch sie haben das Recht, als einmalige Subjekte ihr selbstbestimmtes Leben zu verwirklichen ohne sich durch Überforderung auslöschen zu lassen.

Es ist also uns Angehörigen vor allem anderen aufgetragen, die Mittellinie zu finden zwischen der Eigenständigkeit unseres Kranken und unseren eigenen Grenzen – zum Nutzen und zur Erhöhung der Lebensqualität von beiden, und sie konsequent beizubehalten.

Dies braucht den Respekt vor der eigenen Persönlichkeit und vor der Persönlichkeit des anderen.

Gerade weil unsere erkrankten Familienangehörigen so leicht vereinnahmt werden können und auch selber zur Vereinnahmung neigen, weil ihre und unsere Grenzen verfließen, müssen wir Konturen bewusst machen.

Es ist schwierig...

  • Distanz zu halten und trotzdem, wo es gewünscht wird / es objektiv nötig ist / den Angehörigen möglich ist, Hilfestellung zu geben;
     
  • die eigenen Grenzen zu erkennen und anzuerkennen und ihre Verletzungen ruhig und konsequent zurückzuweisen
     
  • für die Familie unlösbare Probleme (verflochtenen Interaktionen, Wohnprobleme, fehlende Tagesstrukturen etc.) als solche zu erkennen und energisch fachliche Hilfe durch die Träger der psychiatrischen Versorgung anzufordern;
     
  • bei allen Beteiligten, beim Erkrankten, den Angehörigen, den Professionellen, Fehler zuzulassen und damit Lernen zu ermöglichen;
     
  • einige meiner Ängste als meine Ängste zu erkennen, einzuordnen und zu bearbeiten und sie von deinen Ängsten zu unterscheiden;
     
  • in einem Gemisch von Liebe und Sorge auch Machtstreben und Ohnmacht, Kränkung, Enttäuschung, Ärger und Angst als Motivation des eigenen Handelns zu erkennen;
     
  • das Vertrauen in die Ressourcen des Erkrankten nicht zu verlieren, Geduld zu bewahren und seine Entwicklung nicht durch Überbetreuung zu behindern.

aus KONTAKT 5/1997

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