Angehörige haben Rechte

H. Nechtelberger/F. Rady

Auch Angehörige haben Rechte


In unseren Selbsthilfegruppen und bei Einzelgesprächen kommt es immer wieder zum Ausdruck, wie schmerzlich Angehörige - neben allen Belastungen durch die Krankheit des geliebten Familienmitglieds - die schlechte bzw. mangelnde Kommunikation mit den behandelnden und betreuenden ÄrztInnen, TherapeutInnen und PflegerInnen empfinden.

Auch wenn sich die offizielle Lehrmeinung über die Rolle der Angehörigen schon wesentlich gebessert hat (vgl. Dörner, Egetmeyer, Koennig: "Freispruch der Familie", 1980) sind uralte negative Vorurteile nach wie vor unterschwellig vorhanden und bewirken überflüssige Verletzungen und Demütigungen. Auf der Strecke bleibt immer der Angehörige, der ja im Hinblick auf das Interesse am Wohlergehen des Patienten dem größeren oder geringeren Wohlwollen der Professionisten wehrlos ausgeliefert ist.

Ebenso wie bei HPE-Österreich (vgl. Bericht über Gmunden-Kongreß im KONTAKT 3/1998, S. 23) versucht man europaweit (siehe Bericht über EU-FAMI-Seminare in KONTAKT 4/1998, S. 24) durch Aufzeigen von Schwachstellen und Vorschläge zur Verbesserung der Gesprächsbasis zwischen professionellen Betreuern und Angehörigen von psychisch Erkrankten die Position der Angehörigen zu stärken.

Nun erreichten uns von Übersee zwei wichtige Beiträge in dieser Richtung (Newsletter des World Schizophrenia Fellowship, 4. Quartal 1998). Bei der Generalversammlung der Schizophrenie-Gesellschaft von Neuseeland wurde eine Liste von Rechtsansprüchen der Angehörigen ausgearbeitet und empfohlen. Einige wichtige davon lauten:


ICH HABE DAS RECHT DARAUF,

  • ernst genommen zu werden, wenn ich auf bedenkliche Veränderungen im Verhalten meines kranken Angehörigen hinweise.
  • mit Respekt und Verständnis behandelt zu werden
  • in Notfällen mit sofortiger Hilfe rechnen zu können.
  • bei der Erhebung der Krankengeschichte meines Angehörigen meinen Standpunkt und meine Erfahrungen einzubringen.
  • das meine Informationen vertraulich behandelt werden im Interesse des Patienten und anderer Familienmitglieder.
  • über Diagnose, Behandlung und mögliche Nebenwirkungen informiert zu werden.
  • die Behandlung und Betreuung des Patienten familienzentriert auszurichten. Das heißt, die Familie bei der Planung, Durchführung und Beobachtung der Auswirkungen der Behandlung und Betreuung einzubeziehen.
  • andere Meinungen über Diagnose und Behandlung einzuholen.
  • bei Beschwerden über Missstände auf Abhilfe-Mechanismen zurückgreifen (z.B. Patientenanwalt)
  • Urlaub zu machen bzw. Pausen in der Betreuung einzulegen, um  den Stress besser zu bewältigen und "burnout" zu vermeiden.


Besonders in die Richtung des letztgenannten Punktes zielt ein Entwurf von Forderungen aus KANADA, der von Vertretern Angehöriger von Geriatrie-Patienten ausgearbeitet wurde.

Folgende Punkte gelten auch für Familien mit psychisch beeinträchtigen Menschen:
 

ICH HABE DAS RECHT,

  • auf mich selbst zu achten, nicht aus Egoismus, sondern weil sich das auch positiv auf den Zustand des Patienten auswirkt.
  • fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, auch wenn der Patient dagegen ist. Denn meine Belastungsfähigkeit hat natürliche Grenzen.
  • meine Lebensgewohnheiten so weit wie möglich beizubehalten, d.h. neben der Betreuung des Patienten auch Dinge für mich selbst zu tun, auch im Hinblick auf kommende Zeiten, wenn mein Angehöriger meine Hilfe nicht mehr benötigt.
  • zornig, depressiv zu sein und solche Gefühle auch gelegentlich auszudrücken.
  • alle Versuche des Patienten, mich zu manipulieren – sei es durch bewusste oder unbewusste Schuldzuweisungen, Drohungen, Depressionen – zurückzuweisen.
  • von meinen geliebten Angehörigen mit Rücksicht, Zuneigung und Toleranz behandelt zu werden, solange ich das gleiche tue.

aus: KONTAKT 1/1999

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